MA TANZVERMITTLUNG

 

Neuer Masterstudiengang Tanzvermittlung

ab Wintersemester 2022/23

‚Vermittlung‘ im Tanz und vom Tanz ausgehend bietet nicht nur im Bereich kultureller Bildungs- und Vermittlungsarbeit vielgestaltige berufliche Perspektiven. Das Aktionsfeld ‚Vermittlung‘ bildet heute einen exemplarischen Aushandlungsraum für gesamtgesellschaftlich relevante Fragen. Die Bedeutung, die der Auseinandersetzung mit der körperlichen Dimension von Lern-, Transfer-, und Kreativprozessen beigemessen wird, hat den Bedarf an körpersensiblen Vermittlungskompetenzen in einer Vielzahl von Tätigkeitsbereichen in diversen gesellschaftlichen Feldern fundamental verändert und verstärkt.

Diese Entwicklungen greift der konsekutive Masterstudiengang Tanzvermittlung strukturell und inhaltlich auf: Studierende entwickeln und vertiefen tanzspezifische Kompetenzen in einem Lernumfeld, das praktisch und analytisch die Entwicklung innovativer Herangehensweisen an Vermittlung fördert. Dies geschieht in der Auseinandersetzung mit singulären künstlerischen Praktiken und Arbeitsweisen, mit den Bedingungen kollektiver (Lern-) Prozesse, mit Aspekten von körperlicher Reflexivität und ‚embodied learning‘ sowie durch vergleichende Einblicke in Vermittlungskonzepte in und aus diversen Bildungskontexten. Ein Schwerpunkt der Formate des Curriculums liegt auf der praktischen wie theoretischen Erprobung und Reflexion gruppenorientierter Arbeitsweisen, die einen bewussten Umgang mit Diversität fördern, sowie auf Methoden, die ein selbstorganisiertes, selbstverantwortliches Lernen ermöglichen. Zusammengeführt werden die Teilbereiche (u.a. tanzkünstlerisch-choreographische Ansätze, Körper- und Trainingspraxen, inter- und transdisziplinäre Zugänge zu Wissenstransfers und Bildungsprozessen, Verfahren Künstlerischer Forschung) in der kontinuierlich stattfindenden individuellen Projektarbeit der Studierenden. Mit zunehmender Konkretisierung ihrer jeweiligen Spezialisierungen und ihrer kontinuierlich erworbenen Expertisen haben diese die Möglichkeit, über Wahlmodule und die Begleitung durch Mentor*innen eigene Schwerpunkte zu setzen.

Die Bewerbungsfrist für das WS 2022/23 ist der 15. April 2022.

STUDIENVERLAUF

Modul 1 – Kollaborative und kollektive Arbeitsweisen im Tanz I

Im Rahmen des Moduls setzen sich Studierende mit Merkmalen, Phänomenen und Konzepten gruppen- und vermittlungsorientierter Prozesse und Arbeitssituationen im Tanz auseinander. Dazu gehört ein differenziertes Verständnis von im Arbeitsfeld relevanten Begrifflichkeiten wie z.B. ‚ko-kreativ‘, ‚kollaborativ‘, ‚kollektiv‘. Darüber hinaus werden in einer interdisziplinär erweiterten Perspektive Ansätze aus anderen Praxis- und Wissenschaftsbereichen einbezogen (wie z.B. Prinzipien Gewaltfreier Kommunikation, Feedback-Methoden oder strukturelle Rahmenbedingungen von Collective/Shared Leadership). Im Rahmen der Laboratorien konzeptionieren, gestalten, explorieren und reflektieren die Studierenden diverse Vermittlungsformate vor dem Hintergrund insbesondere gruppen- und vermittlungsorientierter Prozesse im Tanz.

Modul 2 – Zeitgenössische Tanzpraktiken – Prozesse und Perspektiven

Das Modul vermittelt einen vergleichenden Einblick in zeitgenössische Tanzpraktiken. Dazu zählen choreografische Perspektiven, improvisatorisch-kompositorische Arbeitsweisen, hybride Trainingsformen, somatische Praktiken oder interdisziplinäre Zugänge. Studierende erarbeiten sich einen möglichst breiten tanzpraktischen Erfahrungsraum als Referenzrahmen, um die Unterschiede körperbasierter Vermittlungsprozesse körperlich und sprachlich zu erfassen. Ziel ist es, analytische und komparatistische Kompetenzen im Umgang mit den systemischen und systematischen Aspekten von Inkorporierungsprozessen im Tanz zu entwickeln.

Modul 3 – Sprachen der Vermittlung I

Das Modul widmet sich der Verwobenheit von Vermittlung mit Diskursen von Gemeinschaft, Hegemonie und sozialer Identität. Besonders berücksichtigt werden dabei das komplexe Verhältnis von Vermittlung und Sprachlichkeit sowie die Anforderungen einer diversitätssensiblen und diskriminierungskritischen Sprache. Veranstaltungen des Moduls integrieren sprachphilosophische, linguistische, künstlerische, kultur- und politikwissenschaftliche Konzepte und Ansätze mit dem Ziel, Studierenden ein Instrumentarium zur theoretischen Kontextualisierung von ‚Sprachen der Vermittlung‘ bereitzustellen. Zugleich fördern sie das Experimentieren mit Formaten und Sprachen des Schreibens, um eigene Begrifflichkeiten zu entwickeln. Das Modul beinhaltet zudem eine Einführung in die aktuellen Kontexte, Strukturen und Netzwerke, in denen die jeweiligen Textsorten formuliert und gelesen werden, u.a. im Projektmanagement, der Förderung und Öffentlichkeitsarbeit von Vermittlungsprojekten.

Modul 4 – Trainingsforschung und Körperwissen

Das Modul fokussiert ‚Training‘ als routiniertes Tun, das über die ihm eigene Zeitlichkeit und Intensität Prozesse der Körper-(Aus-)Bildung moduliert. Es kann von den Studierenden wahlweise und nach eigenem Ermessen in 2-4 Semestern belegt werden. Die Studierenden nehmen blockweise und aktiv an selbstgewählten tanzpraktischen Seminaren im BA Tanz teil. Sie wählen Seminare entsprechend ihres körperlich-künstlerischen Profils aus den Bereichen zeitgenössische Tanztechnik, Körperwahrnehmungsmethoden oder improv.-komp. Arbeiten aus, treten dabei mit dem/der jeweiligen Lehrenden in einen Dialog bezüglich seiner/ihrer Vermittlungsansätze und erforschen, dokumentieren und analysieren selbstverantwortlich ihre Beobachtungen. Dabei werden sie phasenweise von Mentor*innen begleitet: Diese unterstützen die Studierenden in der Konturierung und Schärfung ihrer Fragestellungen.

Modul 5 – Kollaborative und kollektive Arbeitsweisen im Tanz II

Auf Grundlage der im Modul Kollaborative und kollektive Arbeitsweisen im Tanz I  vermittelten Konzepte und Inhalte erarbeiten, konzeptionieren, erproben und reflektieren Studierende die Gestaltung komplexerer Vermittlungsformate. Dabei schärfen sie sukzessive ihr Bewusstsein um die spezifischen Merkmale ihrer individuellen Praxis und machen diese über diverse Vermittlungsstrategien zugänglich. Formate können z.B. die Form von Laboren künstlerischen Forschens, Präsentations-, Vermittlungs- und Austauschformaten oder Settings für künstlerisch-choreographisches Arbeiten annehmen.

Modul 6 – Sprachen der Vermittlung II

Aufbauend auf Modul 3 Sprachen der Vermittlung I wird in diesem Modul verstärkt das individuelle Experimentieren mit praktischen Formen und Formaten des Schreibens gefördert, um die Ausbildung einer eigenen ‚Sprache‘ der Vermittlung aus diskurspraktischer Perspektive weiter zu vertiefen. Das Spektrum reicht hierbei von Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens über kreatives Schreiben bis hin zur Formulierung von Konzepten, Programmtexten und Förderanträgen. Die Vermittlung von Feldforschungsmethoden ermöglicht Studierenden in vorbereitend die auf und parallel zu den Wahlmodulen im 2. und 3. Semester eine Basis von Werkzeugen der Beobachtung und Analyse, um in der Lage zu sein, spezifische Kontexte, innerhalb derer Vermittlungsprojekte stattfinden können, zu erfassen, einzuordnen und zu benennen.

WAHLMODULBEREICH

Der Wahlmodulbereich im 2. und 3. Semesterdient der individuellen Vertiefung in spezifischen Feldern und Kontexten, innerhalb derer Vermittlungsprozesse stattfinden. Alle Wahlmodule sind so konzeptioniert, dass sie eine anwendungsorientierte Vermittlungspraxis im professionellen Feld ermöglichen, fördern und fordern. Die Durchführung von Praktika und Projekten bilden daher einen wesentlichen Anteil. Die Studierenden werden dabei von Mentor*innen begleitet.
Aus insgesamt vier thematischen Segmenten werden je zwei Wahlmodule ausgewählt. Die Studierenden erarbeiten sich damit über ihre jeweilige Wahlmodul-Konstellation spezifische erweiterte Perspektiven auf ihre eigene Praxis in zukünftigen hybriden Wirkungskontexten, aber auch spezifischen Tätigkeitsfeldern. Sich in ihren Bezugsfeldern und Inhalten unterscheidend, beziehen sich die vier Wahlmodule aufeinander und sind in Struktur und Aufbau aufeinander abgestimmt.

Folgende Wahlpflichtmodule werden angeboten:

7a Vermittlung im Kontext tänzerischer und choreographischer Praxis

Das Wahlmodul richtet sich an Studierende, die über eine mehrjährige körperlich- künstlerische Praxis verfügen und ihre Kompetenzen in diesem Bereich weiter entwickeln möchten. Studierende setzen eigene Schwerpunkte in den Bereichen ‚Zeitgenössische Trainingspraxis‘, ‚Probenarbeit‘ bzw. ‚Stückentwicklung‘ und/oder ‚künstlerisch-choreographische Recherche‘. Sie alle stellen komplexe Settings dar, die somatische, körpererforschende und nachahmend-inkorporierende Aspekte des Lernens miteinander verbinden. Studierende erproben eigene Formate und führen diese im Rahmen von Projekten und in Kooperation mit Partnerinstitutionen und -Akteur*innen außerhalb und innerhalb der Hochschule durch, reflektieren und evaluieren sie.

 

7b Vermittlung in formalen und nonformalen Kontexten Kultureller Bildung

Das Wahlmodul richtet sich an Studierende, die ihre tanzkünstlerisch-tanzvermittelnde Praxis im Bereich der Kulturellen Bildung verorten und weiter vertiefen möchten. Inhalte umfassen die Reflexion und Analyse der Bedingungen von kulturellen Bildungsprojekten durch, mit und von Tanz ausgehend, in diversen schulischen und außerschulischen Kontexten. Hierbei liegt ein Fokus auf der praktischen und theoretischen Auseinandersetzung mit künstlerisch-choreographischen, künstlerisch-forschenden, partizipativen und/oder inter- bzw. transdisziplinären Verfahrensweisen einerseits und andererseits auf der Reflexion der Rahmenbedingungen und Bezugssysteme der Wertzuschreibung je gegebener Bildungskontexte für Projekte der Kulturellen Bildung im Tanz. Projektarbeiten/ Kooperationen finden z.B. mit dem FB Musikpädagogik, Tanzvermittlung nrw und anderen Trägern, Vereinen und Bildungseinrichtungen statt.

7c Vermittlung als Aushandlungsraum globaler Perspektiven

Das Wahlmodul richtet sich an Studierende, die ihre vermittelnde Praxis in einem globalen Kontext entwickeln und reflektieren wollen. Dabei werden in individuellen und kollektiven Settings vermittelnde Praktiken und Strategien, die kritisch-konstruktiv eine teilhabende Interaktion befördern und damit kontextspezifisch Verhältnisse von Individuum und Gemeinschaft, künstlerischer und aktivistischer Praxis, gesellschaftlicher Hegemonie und Widerstand materialisieren und reflektieren, körperlich untersucht. So werden ethische, politische und historische Verstrickungen und Spannungen über verschiedene Gesellschaften hinweg beleuchtet. Ein Schwerpunkt liegt darauf, trans-lokale und auf ihre jeweilige Situiertheit, Lokalität und Räumlichkeit bezogene Bedingungen von Arbeitsweisen und Praktiken im, mit und durch Tanz zu befragen. Studierende konzipieren, realisieren und evaluieren eigene Projekte in Zusammenarbeit mit verschiedenen Institutionen und community-basierten Akteur*innen in NRW und im Rückgriff auf eigene Netzwerke und Partner*innen.

7d Vermittlung an der Schnittstelle von Kunstproduktion und Öffentlichkeit

Das Wahlmodul richtet sich an Studierende, die zur Entwicklung experimenteller und kontextsensibler Formate nah zur Produktion und Präsentation künstlerischer Arbeiten beitragen möchten und ihre Praxis an dieser Schnittstelle verorten. Vermittlung vollzieht sich hier z.B. als dramaturgischer oder kuratorischer Zugang, der in Bereichen wie Öffentlichkeitsarbeit, Programmarbeit oder des Audience Developments heute zunehmend sinnlich-rezeptive und partizipative Aspekte in die Gestaltung seiner Formate mit einbezieht. Im Fokus stehen dabei Spezifika unterschiedlicher Präsentationsdispositive (z.B. Bühne, Ausstellung, öffentlicher Raum) und institutioneller Kontexte (z.B. Theater, Museum, künstlerische und wissenschaftliche Labors). Studierende konzipieren eigene Projektformate und bringen diese in die Anwendung. Dazu werden Projektarbeiten/Kooperationen z.B. mit diversen öffentlichen Kunsteinrichtungen oder mit Kunsthochschulen in NRW initiiert.

Modul 8 – Methoden und Praktiken Künstlerischer Forschung

Im Rahmen des Moduls werden in der Auseinandersetzung mit ihrer Genealogie und Diversität Formate Künstlerischer Forschung als in größere interdisziplinäre Zusammenhänge gesellschaftlicher Wissensproduktion eingebettetes Feld untersucht. Künstlerische Forschung wird als zunehmend institutionell eigenständiges Feld der Wissensproduktion behandelt, in dem ‚Wissen‘ als verkörpert und ‚Vermittlung‘ als sinnlich-reflexive Auseinandersetzung mit der Medialität von Vermittlungsprozessen erfahrbar werden kann. Studierende entwickeln vom Feld der Vermittlung aus einen praktisch-analytischen Blick auf diverse Zugänge, Methoden und Verfahrensweisen des Konzeptionierens, Systematisierens, Archivierens und Dokumentierens von Künstlerischer Forschung.

Modul 9 – Masterarbeit

Die Masterarbeit wird im Laufe des 4. Semesters in Eigenarbeit konzeptioniert, durchgeführt, dokumentiert, präsentiert und reflektiert. Das Thema ist im Anschluss an die eigene Profilbildung u.a. in den Wahlmodulen frei gewählt. Die Masterarbeit besteht aus einem praktischen und einem schriftlichen Teil sowie aus einem reflektierenden Gespräch mit den Prüfenden. Für den praktischen und schriftlichen Teil sind die Studierenden bezüglich des Formates nicht festgelegt. Wesentlich ist, dass die im Studium erworbenen Kompetenzen u.a. der tanzpraktischen Reflexion, gesellschaftspolitischen Sensibilisierung und wissenschaftlichen Recherche im Rahmen der verschiedenen Etappen und medialen Formate in der Bearbeitung des Forschungsthemas ersichtlich werden. Studierende werden durch Mentor*innen begleitet und stellen Teilergebnisse sowie aktuelle Fragestellungen ihrer Forschungsarbeit in Vermittlungsformaten ihrer Wahl im Rahmen von Kolloquien vor.

PERSPEKTIVEN

Mit dem MA Tanzvermittlung wird ein vertiefendes, forschungs- wie anwendungsorientiertes Studium angeboten. Die im Masterstudiengang erworbenen Erfahrungen, Kenntnisse und Kompetenzen befähigen Studierende, ihr tänzerisches, künstlerisch-choreographisches und/oder auf körperlich-leibliche Vermittlungsprozesse in anderen Arbeitsfeldern ausgerichtetes Profil aus einer politisch und gesellschaftlich sensibilisierten praktischen und theoretischen Perspektive auf ‚Vermittlung‘ heraus zu schärfen. Das Curriculum gibt die Möglichkeit dazu, sich ein umfangreiches Instrumentarium zur Gestaltung und Analyse körperbasierter Vermittlungsprozesse im Tanz anzueignen.
Absolvent*innen haben einen fundierten, breit gefächerten Blick auf und ein umfassendes Verständnis für die Vielfalt und Komplexität tanzvermittelnder Zusammenhänge und diverse (Bildungs-)Kontexte erworben, innerhalb derer sie Anwendung finden können. Das Studium qualifiziert damit je nach individueller Schwerpunktsetzungen im Studienverlauf für die Lehrtätigkeit an Kunsthochschulen oder im Bereich der berufsvorbereitenden Ausbildung, für Projekte in formalen und non-formalen Kontexten kultureller Bildung, für Trainingstätigkeiten an Stadt- und Staatstheatern und auf dem freien Markt, für vermittelnd-assistierende und/oder projektbegleitende Aufgabenfelder im Bereich tanzkünstlerisch-choreographischer Projektarbeiten sowie für Tätigkeiten in interdisziplinären Kontexten, in Projekten an der Schnittstelle von Theorie und Praxis sowie in der Künstlerischen Forschung.